"We must make the building of a free society once more an intellectual adventure, a deed of courage." – F.A. von Hayek

Am 17. Juni 1953 …


… war mein Großvater noch Student an der TU Dresden, vielleicht war er auch schon Doktorand.  Mein Onkel war noch sehr klein. Und meine Großmutter war Schwanger mit meiner Mutter. Das Datum, die Proteste und der Aufstand haben in unserer Familie keine überhöhte Rolle gespielt. Erst 8 Jahre später, wenige Wochen vor dem Mauerbau, verließ die Familie die DDR über West-Berlin.

Mein Großvater war 1961 Ingenieur im Planungsministerium der DDR (das im selben Gebäude seinen Sitz hatte, wie heute das Bundesminsterium der Finanzen), sein Spezialgebiet war der Kraftwerksbau und er war – wie er sagt – „unpolitisch“.

Ich habe ihn ein paar mal gefragt, warum sie gegangen sind. Er meinte, dass es nicht einfach ist „den einen Grund“ anzugeben. Er war nie SED-Mitglied geworden, was man ihn wohl spüren ließ und meine Großmutter, die aus einer Mecklenburger Pfarrersfamilie kam, hatte einen Anwerbeversuch der Stasi erlebt, der sie angewiderter hatte. Die Stasi hatte aber ihr Interesse an meiner Großmutter verloren, als sie nicht mehr als Fotografin arbeitete (die Stasi hatte großes Interesse an Passbildern und Bewerbungsfotos) und von Schwerin nach Dresden umgezogen war. Und irgendwann gingen sie vielleicht ohne den einen Grund im Gepäck zu haben. Sie flogen innerdeutsch nach Köln-Bonn und kamen bei der Familie des Bruders meines Großvaters unter. Nichtmal ein Jahr später baute mein Großvater wieder Kraftwerke, für Siemens in Mexiko und an vielen anderen Orten.

Sie sahen die Ausreise wohl auch nicht als echte „Flucht“ sondern eben als Ausreise ohne Abschied von den Nachbar, den Freunden und den Verwandten und auch der 17. Juni war bei uns nicht sehr präsent. Und heute verblasst die Bedeutung dieses Tages immer mehr. Dabei war der Tag eigentlich zu wichtig als dass wir ihn verstreichen lassen könnten, ohne uns an ihn zu erinnern. Ich finde immer noch, dass er ein guter Tag für einen Nationalfeiertag wäre.

Der Tag wurde aber in der BRD übermäßig instrumentalisiert und in der DDR totgeschwiegen.

Vor Standgerichten wurden 19 Aufständische abgeurteilt und bis zum 22. Juni 1953 erschossen. Die DDR-Justizminsiterin Hilde „Die Rote Guillotine“ Benjamin, entschlüsselte in einem Bericht („Die Aburteilung der Provokateure des Putsches vom 17.6.1953“) fein-säuberlich die Ergebnisse des Handelns der DDR-Justiz auf:
2 Angeklagte zum Tode verurteilt

  • 3 Angeklagte erhielten eine lebenslängliche Zuchthausstrafe.
  • 13 Angeklagte wurden zu Zuchthausstrafen von 10 bis 15 Jahren verurteilt.
  • 99 Angeklagte erhielten Zuchthausstrafen zwischen 5 und 10 Jahren.
  • 824 Angeklagte bekamen Gefängnisstrafen von 1 bis 5 Jahren.
  • 546 Angeklagte erhielten Gefängnisstrafen bis zu einem Jahr.
  • 39 Angeklagte wurden freigesprochen.

Die DDR-Justiz kennzeichnete Häftlinge, die wegen der Beteiligung an dem Aufstand zu Haftstrafen verurteilt wurden mit einem gelben X markiert, damit jeder im Gefängnis daran erinnert wurde, dass diesen Personen eine „Besondere Behandlung“ zuteil werden sollte.

All diese „Details“ verschwinden im Erinnerungsbrei, obwohl sie des Erinnerns wert wären.

Vielleicht ist es mit dem 17. Juni wie überhaupt mit der DDR. Wenn Ex-DDR-Bürger von Ihrem Leben in diesem Staat erzählen und dabei von Verfolgung und Unterdrückung erzählen, werden sie in den Augen vieler Westler schnell zu Jammerossis. Erzählen sie von guten Zeiten unterstellen die Westler fehlenden Aufarbeitungswillen und Regimenähe. Für Westler ist die Welt oft ja ach so einfach. Dabei ist es doch eine historische Wahrheit, dass die Menschen in der DDR auf zwei Freiheitsaufstände und eine geglückte Revolution zurückblicken können. Sie haben sich erkämpft, was die Menschen in der BRD geschenkt bekamen (und in Menschen Fällen nur widerwillig akzeptieren). Es ist schon theatralisch, wenn Westdeutsche Briefmarken aus dem Jahr des Aufstands Hände in Ketten stilisieren.

West-Deutsche Briefmarke (Wikipedia)

Man sollte sich an Personen wie Hilde Benjamin erinnern und sich sehr genau ansehen, wie angewandter Legalismus aussieht, aber ich mag kein Schwarz-Weiß-Denken. Nicht, dass ich indifferentes „Wer ohne schuld ist werfe den ersten Stein“-Geschwafel mag, aber Schwarz-Weiß-Denken, verstellt den Blick auf die vielen Schattierungen der Wahrheit und eine solche historische Schattierung ist, dass auch etwa zwanzig Rotarmisten von Gerichten der Sowjetischen Streitkräfte hingerichtet wurden, weil sie sich geweigert hatten, auf die Aufständischen zu schießen.

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